Umfrage von brlv und Realschulstiftung zur Lehrkräftegesundheit: Hochmotiviert, trotzdem am Limit? Bayerische Realschullehrkräfte erleben ihre Arbeit als sinnstiftend, stoßen aber zunehmend an Grenzen
brlv-PM 08/2026 am 17. Juni 2026
Umfrage von brlv und Realschulstiftung zur Lehrkräftegesundheit
Hochmotiviert, trotzdem am Limit? Bayerische Realschullehrkräfte erleben ihre Arbeit als sinnstiftend, stoßen aber zunehmend an Grenzen
Die gute Nachricht zuerst: Bayerische Realschullehrkräfte stehen mit großer Überzeugung hinter ihrem Beruf und üben ihn gerne aus. 81,5 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer aktuellen Umfrage zur Lehrkräftegesundheit erleben ihre tägliche Arbeit als pädagogisch wirksam und sinnvoll. Die Ergebnisse der vom Bayerischen Realschullehrerverband (brlv) und der Realschulstiftung initiierten Befragung zeichnen damit das Bild einer Berufsgruppe, die ihren Bildungsauftrag mit hoher Motivation und großem Engagement erfüllt.
Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich: Die hohe Identifikation mit dem Beruf darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Lehrkräfte ihre Belastungsgrenze erreicht haben.
An der anonymen und freiwilligen Onlinebefragung, die im April und Mai 2026 durchgeführt wurde, beteiligten sich 1.472 Realschullehrkräfte aus ganz Bayern. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen beruflicher Motivation und den tatsächlichen Arbeitsbedingungen.
Hohe persönliche Belastung - Von wegen "Lifestyle-Teilzeit"!
Mehr als drei Viertel der Befragten (78,0 Prozent) bewerten ihre aktuelle Arbeitsbelastung als hoch oder sehr hoch. Besonders besorgniserregend ist dabei, dass 58,4 Prozent nach Dienstschluss eher nicht oder gar nicht gedanklich von ihrer Arbeit abschalten können. Die Belastung wirkt damit weit über die eigentliche Unterrichtszeit hinaus.
Wie stark sich die Beanspruchung inzwischen auf die persönliche Lebensgestaltung auswirkt, zeigt ein weiterer Befund: 96,4 Prozent der teilzeitbeschäftigten Realschullehrkräfte geben an, ihre Arbeitszeit aus familiären Gründen, aufgrund der beruflichen Belastung oder zum Erhalt ihrer Dienstfähigkeit reduziert zu haben. Teilzeit wird damit vielfach nicht als freiwilliges „Lifestyle“-Arbeitszeitmodell gewählt, sondern als notwendige Strategie zur Bewältigung des Berufsalltags.
Hohe systemische Belastung
Auch die strukturellen Rahmenbedingungen werden von vielen Realschullehrkräften kritisch bewertet. Knapp zwei Drittel der Befragten (63,7 Prozent) geben an, regelmäßig über ihr reguläres Arbeitspensum hinaus tätig zu sein. Gleichzeitig fühlen sich 63,5 Prozent im Umgang mit der zunehmenden Heterogenität der Schülerschaft nicht ausreichend vorbereitet oder unterstützt. Mehr als jede zweite Lehrkraft (54,7 Prozent) sieht zudem in den aktuellen Klassengrößen eine erhebliche Belastung für qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit.
Zwischen Bildungsauftrag und psychosozialer Unterstützung
Die Ergebnisse verdeutlichen darüber hinaus eine spürbare Verschiebung der Anforderungen im Schulalltag. Die befragten Realschullehrkräfte sehen sich zunehmend mit Aufgaben konfrontiert, die weit über den klassischen Bildungs- und Erziehungsauftrag hinausgehen.
74,3 Prozent berichten, dass die unreflektierte Nutzung sozialer Plattformen regelmäßig zu Konflikten im Unterricht führt. Gleichzeitig geben 68,4 Prozent an, ohne ausreichende Unterstützung Rollen übernehmen zu müssen, für die sie nicht ausgebildet wurden, zum Beispiel im psychosozialen, beratenden oder konfliktmoderierenden Bereich.
Digitalisierung: Licht und Schatten
Ein differenziertes Bild zeigt sich schließlich bei der Digitalisierung. Zwar sind die bayerischen Realschulen digital bestens aufgestellt, doch die praktische Umsetzung verursacht vielfach erheblichen Mehraufwand. Mehr als die Hälfte der Befragten (54,7 Prozent) verneint einen funktionierenden IT-Support ohne Eigenleistung der Lehrkräfte. 50,7 Prozent leisten darüber hinaus regelmäßig eine zeitaufwendige „Doppelbuchführung“, indem sie Prozesse parallel analog und digital dokumentieren müssen.
Aus den Ergebnissen die richtigen Konsequenzen ziehen: Was Bayerns Realschulen jetzt brauchen
Wir brauchen Raum und Zeit!
„Damit sich Lehrkräfte bestmöglich um die ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler kümmern können, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Echte Entlastung bedeutet kleinere Klassen, ausreichende Einstellungsmöglichkeiten und eine zeitgemäße Überarbeitung der Lehrpläne. Darüber hinaus darf die hohe Belastung nicht durch zusätzliche On-top-Aufgaben weiter verschärft werden“ fordert brlv-Vorsitzender Ulrich Babl und betont: „Die Ergebnisse unserer Umfrage sind eindeutig und machen deutlich: Bildungspolitisches Handeln ist dringend geboten!“.
Wir brauchen Unterstützung!
Bildung ist die wichtigste Ressource unserer Gesellschaft. Bildung gelingt durch Beziehungen. Die Anforderungen an den Lehrberuf werden jedoch zunehmend vielfältiger und komplexer. Lehrkräfte benötigen deshalb Verlässlichkeit im System, pädagogische und organisatorische Unterstützungskräfte sowie digitale Lösungen, die tatsächlich entlasten.
Wir brauchen Vertrauen und Wertschätzung!
Die Umfrage zeigt klar und deutlich, wie häufig Realschullehrkräfte strukturelle Defizite im System ausgleichen, sei es durch zusätzliche IT-Arbeit, psychosoziale Unterstützung oder organisatorische Mehrleistungen. Dieses Engagement verdient Anerkennung und Rückendeckung.
„Auf Bayerns Realschullehrkräfte ist Verlass. Tag für Tag leisten sie weit mehr, als in Dienstpflichten oder Arbeitszeitmodellen abgebildet werden kann. Dafür brauchen sie nicht nur Wertschätzung in Sonntagsreden, sondern gelebtes Vertrauen in ihre pädagogische Professionalität von Politik, Kultusministerium und der gesamten Gesellschaft“, erklärt brlv-Vorsitzender Babl abschließend.
Der folgende Onepager fasst die zentralen Ergebnisse der Befragung übersichtlich zusammen: HIER DOWNLOADEN